Sunday, 17. December 2006, 21:53 Uhr

carfahren

Am Samstagmorgen um 7.00 Uhr fuhr der Car Richtung Stuttgarter Weihnachtsmarkt los. Meine Kollegin und ich waren schon im Vorfeld von Tupperware verkaufenden Leuten im Car gewarnt worden, aber diese Angst war unbegründet. Die Gäste, überwiegend Frauen, waren alle putzmunter und dementsprechend laut. Meine Kollegin und ich betrachteten amüsiert und gleichzeitig etwas geschockt unsere Weggefährtinnen. Das Durchschnittsalter betrug ungefähr 59 und die meistgetragene Frisur war kurz und mit einer leichten violetten Tönung versehen. Der Carfahrer war besonders unterhaltsam. In regelmässigen Abständen schaltete er mit einem lauten Knacks sein Mikrofon ein und machte uns mit deutschen Wirtschaftszahlen bekannt. Auch liess er das interessierte Publikum wissen, dass er von Angela Merkel persönlich ein Schreiben bekommen hatte und dass die Bundeskanzlerin darin bat, dass «die Schweizer Frauen in Deutschland so viel wie möglich einkaufen sollten». Die Frauen lachten hysterisch und flüsterten ihren Kolleginnen kichernd zu, dass dies doch wirklich «mal ein richtig lustiger Carfahrer sei». Uns amüsierten vor allem die Frauen. Auch wurden wir mit einer, uns nicht sehr bekannten, Musiksparte vertraut gemacht. Dem Schlager. Einmal handelten die Texte von Liebe, einmal von Eifersucht, einmal von Liebe, einmal vom Alleinsein, einmal von Liebe usw. Bei der Überquerung des Zolls auf der Rückreise, machte uns der Carfahrer durchs Mikrofon darauf aufmerksam, dass die Zollbeamten selten einen Reisecar durchsuchen würden. Anders sei dies natürlich bei «diesen Balkan-Menschen». Die Frauen nickten zustimmend und mit ernster Miene und uns verging das Lachen langsam.

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8 Kommentare to “carfahren”

  1. 18. December 2006 um 15:03

    Carfahrt auf asiatisch

    Meine kleine Story, welche ich hier anführen möchte, spielte in meinen letzten Ferien, die nun leider auch schon seit über einer Woche zu Ende sind *sniff*.

    Wir standen also irgendwo im Norden von Thailand am Busbahnhof und warteten auf unseren Car. Wir standen auch 45 Minuten später noch da als man uns dann doch noch erklären konnte, dass der Car, der ebenfalls seit 45 Minuten neben uns stand, unser Gefährt sei. Nachdem sich die lustige Car-Crew dann entschieden hatte, auf welcher Seite des Cars wir unser Gepäck unterbringen durften, konnte es losgehen. Als einzige Personen ohne Schlitzaugen (politisch korrekt: Mandelaugen?) waren wir etwas enttäuscht, dass er Hollywoodfilm, der gerade lief auf Thai vertont war.

    Wir fuhren also durch die Nacht, eingewickelt in unseren Decken. Nach einer Weile fährt der Car zu einer Tankstelle. Nichts aussergewöhnliches. Alle stiegen aus. Ah e roukpouse. Nein, wer das denkt, kennt die Asiaten schlecht, wir sind hier schliesslich nicht in der Schweiz. Um 24.00 Uhr wird doch nicht gepafft, sondern gegessen! Alle schaufeln wie die Wilden Nudelsuppe oder Padthai in sich hinein. Hätte ich ein bisschen mehr Gas gegeben, hätte auch mir die Zeit gereicht um mein Menu zu verdrücken.

    Weiter ging die lustige Fahrt… jedoch nicht für lange. Nach zwei weiteren längeren Stopps ohne ersichtlichen Grund, durften wir dann wieder aussteigen. Was war passiert? Wir ahnten es als wir unser Gepäck aus der Öllache hinter dem Car hievten.

    Ein Ersatzcar war sofort zur Stelle und das Gerangel ging los. Da ich zu müde war, um mich zu prügeln, musste ich wohl oder übel hinten sitzen. Übel, wie sich etwa um 4 oder 5 Uhr morgens herausstellte. Ja, übelst wurde ich aus meinem Wachkoma gerissen. Hohe, schrille Stimmen, untermalen mit dem Geklimper eines hyperaktiven Pianisten liessen mich erkennen, dass ich direkt neben der einzigen Boxe in dem ganzen verfluchten Car sass. O ja, nun konnte ich mir vorstellen, was Menschen zu Amokläufen und Geiselnahmen bringen konnte.

  2. 18. December 2006 um 15:42

    kollegin

    anzufügen ist noch, dass der carfahrer nach jedem satzteil die bemerkung “he” anfügte und sich etwa ebenso oft räusperte. das tönte dann etwa so: “auso, itz gsehter da äne, he, die nöie outo vo bmw, he. mkhm. dasch wahnsinnig, he, die chäre, mkhm.” undsoweiter undsoblöder.
    anzufügen ist noch, dass die frauen alle brockenstubenmässig gekleidet und fett waren, furzten und vorwursvoll dreinschauten.
    jeden tag nehm ich mir vor, nie so zu werden, nie täglich ins migros, oder noch schlimmer in den denner zu gehen, und als einzigen gesprächsstoff mit meinen freunden das motzen und lästern zu haben.
    anzufügen ist noch, es war schön in stuttgart.

  3. 18. December 2006 um 17:28

    mTz

    weil es im denner alkohol und tabak gibt, spiegeln die leute im denner viel realitätsgetreuer unsere kaputte gesellschaft. ich gehe lieber in den denner, dort muss man sich nicht von studis mit früchten, frauen mit kinderwagen oder grosis in der brotecke blöd mustern lassen, nur weil man dreckige arbeitskleidung trägt. ich steite mich lieber mit einem junkie um die letzt flasche des billigsten vodkas oder um das letzte gascho denner lagerbier.
    carfahrten finde ich auch ecklig. die carfahrer meinen immer, sie müssen die gäste unterhalten, scheitern dabei aber so kläglich, dass es nur noch nervt. da man eh keine musik für jedermann findet soll doch jeder seinen ipod oder von mir aus walkman mit schlagern mitnehmen.

  4. 19. December 2006 um 12:19

    Ma

    seid doch nicht so verachtend. so kurz vor weihnachten. auch die sechzigjährigen damen haben eine lebensberechtigung so wie sie sind.
    ausser dem kann ich ebenfalls aus erfahrung sagen, dass ein deutsches schlagerkonzert (z.b. im rössli heistrich in utzigen) ziemlich abgehen kann, wenn man nur will.
    siehe: http://www.schnulze.ch

  5. 19. December 2006 um 13:44

    sophie

    klar haben die sechzigjährigen frauen eine lebensberechtigung. wir haben sie ja auch:-) aber diese «carfrauen» waren halt wirklich «fürchterlich». weihnachten hin oder her. und ich denke dass schnulze und schnutzle ein etwas modernerer schlager ist, als derjenige, den wir gehört haben.

  6. 19. December 2006 um 19:42

    mTz

    lebensberechtigung. das recht zu leben. ist ein ungeborenes kind lebensberechtigt? wer bestimmt über das recht des lebens? überwacht uns ein geheimer rat mit kameras und entscheidet an unserem geburtstag, ob wir noch ein jahr anhängen dürfen? lebensberechtigung, das wort finde ich interessant, aber überflüssig. klar haben die alten frauen im car das recht zu leben. oder man ist in der zwickmühle: man kann nicht mit ihnen leben, man kann (darf, soll, will usw.) sie aber auch nicht umbringen..
    über schlager kann ich nicht viel sagen, nur das an der hochzeit einer meiner cousins ein alleinunterhalter mit keyboard musizierte. musikalische vorfahrt hatte stets: schlager. mit der zeit und dem weisswein fand ich es plötzlich noch amüsant mit alten leuten, mit denen ich iiiirgendwie verwandt zu sein scheine auf den bänken hin und her zu schaukeln und bemüht mit zu singen. nüchtern betrachtet - schande über mein haupt :)

  7. 20. December 2006 um 14:54

    ma

    also wenn francine jordi modernen schlager macht, dann war das am samstag auch ganz modern :-)

  8. 20. December 2006 um 17:23

    fischer

    welch kultur-schock… grässlicher weihnachtsmarkt mit dem reisebus (inkl. heizdecken-verkauf?) und dann einen monat nach madagaskar… beim zweiten teil deiner reise-pläne wünsche ich dir viel spass. madagaskar ist ein TRAUM!… im gegensatz zu all den weihnachtsmärkten landauf, landab… wie ich zumindest finde!

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