Friday, 8. September 2006, 23:49 Uhr
Nichts verstehen heisst nicht nichts verstehen
«Nice to meet you», sagt der neue Freund meiner WG-Mitbewohnerin zu mir und ich starre ihn völlig perplex an. «Do you have a problem with my face?». Nein, natürlich habe ich kein Problem mit seinem Gesicht aber ich habe seine erste Frage nicht verstanden. Nicht, nicht verstanden, sondern ganz einfach nicht verstanden ihm Sinn von er sprach zu leise oder zu undeutlich. Der Klang der Stimme und die Herkunft eines Englisch sprechenden Menschen sind sehr wichtig für mich um ihn überhaupt zu verstehen. «Hello», antworte ich ihm nach seiner zweiten Frage und befreie mich von seinem Händedruck.
Peinlich ist das, denke ich. Zwei Wochen war ich in den Ferien und ich wusste, wenn ich zurückkommen würde, wird neu ein Englisch sprechender Typ bei uns wohnen.
Ich hätte in der Schule besser aufpassen sollen und jeden Abend 15 Minuten meinen englischen Wortschatzt erweitern müssen. Warum habe ich das nicht getan? Weil ich von der 7. bis zur 9. Klasse einen Lehrer hatte, der mir die Lust an der englischen Sprache gründlich versaut hat. Einer der es wagte mich jedes zweite Mal an die Wandtafel zu bitten. Einer der mir mit seinem blossen Erscheinen das Fürchten lehrte. Einer der behauptete sich auf wogender See an einem Schiffsteuer angebunden zu haben und so die ganze Mannschaft gerettet hat. Einer der…, ach was solls. Natürlich war er schrecklich, dieser Lehrer. Doch meine schlechten Englischkenntnisse verdanke ich ja nicht nur ihm, sondern vor allem meiner fehlenden Selbstdisziplin.
Ich lebe nun also mit einem Menschen zusammen der ausschliesslich Englisch spricht. Toll, sagen meine Freunde, dann kannst du ein wenig deine Englischkenntnisse auffrischen. Wie alt bin ich denn? Da ist nicht so viel aufzufrischen, weil gar nicht viel da ist! Meine WG-Mitbewohnerin, die Freundin unseres neuen Mitbewohner kann so gut Englisch sprechen, dass ich, wenn ich den beiden zuhöre absolut nichts verstehe weil sie so gut spricht. Einen Schweizerakzent höre ich da leider gar nicht mehr heraus. Und dies macht die ganze Situation noch komplizierter. Mir ist es peinlich zu sprechen! Aus dem einfachen Grund, weil mein Englisch etwa wie das des alten Herr Blocher klingt. Und dies ist eine schreckliche Feststellung. Seltsamerweise ist es mir nur halb so peinlich, wenn ich mit meinem Englisch sprechenden Mitbewohner alleine bin. Da versuche ich etwas zusammen zu stottern, stelle sogar Fragen und bin stolz auf mich, wenn ich seine Sätze so ungefähr richtig deuten kann. Die logische Schlussfolgerung ist also, dass es mir peinlich ist vor meinen Freunden Englisch zu sprechen.
Ich fühle mich jedesmal wie ein totaler Loser, wenn meine Freunde ein Gespräch in Englisch führen. Ich verstehe zwar vieles, kann aber nicht wirklich etwas zum Gespräch beitragen.
Vielleicht sollte ich mich auch mal in die Situation meines Englisch sprechenden WG-Mitbewohner hinein versetzen. Er versteht kein Wort Deutsch! Wenn meine Freundinnen und ich über irgendetwas tratschen, lachen und uns amüsieren und er auch im Raum ist, muss er sich doch sicherlich auch oft ziemlich beschissen vorkommen.
Dieser Gedanke ist dann etwas beruhigend für mich, obwohl man sich ja nicht über das Leid anderer erfreuen sollte. Und im übrigen würde ich ihm nun sofort antworten: „Nice to meet you, too“.
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